Als wir morgens zur verabredeten Zeit bei Hans klingelten, empfing er uns mit den Worten: „Wir haben einen Überraschungsgast.“ Seine Lebensgefährtin Christa, die eigentlich bei Klagenfurt wohnt, war schon gestern Abend eingetroffen, obwohl sie eigentlich erst heute ankommen wollte. So lernten wir diese super sympatische und interessierte Frau auch gleich noch kennen. Christa und Hans verwöhnten uns mit einem leckeren Frühstück und gaben uns sogar noch eine Brotzeit für die Mittagspause sowie eine Sonnenbrille mit., weil ich meine verloren habe. Sogar ein Glas selbst gemachte Marmelade bekamen wir für zu Hause mit.
Dank der E-bike-Tankstelle konnten wir mit vollen Akkus losfahren zum Semmering. Nach wenigen Kilometern verkündete Andreas, dass wir jetzt die ersten 1.000 Kilometer seit unserer Abfahrt von zu Hause vor 14 Tagen auf dem Tacho hätten. Das haben wir mit einem kurzen Stopp und einer kleinen „Signatur“ mit Straßenkreide gewürdigt.


Es folgte ein 8 Kilometer langer Anstieg. An einer Stelle war die Steigung sogar mit 12 % angegeben. Wir hielten insgesamt vier mal an, um die Motoren abkühlen zu lassen, aber erreichten den „Pass“ ohne Schwierigkeiten. Das war sehr erfreulich.

Wir entdeckten ein Schild, auf dem stand, dass wir nun die Steiermark erreicht haben.

Als wir gerade davor posierten, fuhr ein Polizei-Auto hinter unser Gespann und zwei Polizisten stiegen aus. Wenn Polizisten bei einem anhalten und auch noch aussteigen, heißt das ja normalerweise nichts Gutes. Aber diese beiden waren wohl einfach nur neugierig und wollten plaudern. Der jüngere der beiden war etwas wortkarg – der ältere Polizist führte das Gespräch. Dann wünschten sie uns eine gute Weiterfahrt, blieben noch etwas stehen, während wir schon den Berg hinunterrollten und als sie uns schließlich überholten, machten sie kurz das Blaulicht an, was wohl eine Art Gruß bedeutete. Mit der Polizei haben wir auf all unseren bisherigen Reisen und auch heute wieder nur gute Erfahrungen gemacht.

Für die Abfahrt mussten wir uns übrigens tatsächlich Jacken anziehen. Es war nämlich richtig kühl. Das war das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich eine Jacke und sogar eine Mütze trug…

In „Spital am Semmering“ gab es eine kostenlose Ladestelle für E-Bikes. Dort konnten wir die Akkus wieder aufladen, die bei der Auffahrt zum Semmering deutlich leerer geworden waren. Und die Sonne ließ sich heute auch kaum blicken.
Der Platz bei der Ladestelle war klasse. Es gab saubere Toiletten und sogar einen Snackautomaten. Den brauchten wir aber nicht, weil wir ja noch ein paar Lebensmittel an Bord hatten und Christa uns ja mit einer Jause versorgt hatte.

In der Mittagspause gönnten wir uns sogar ein Mittagsschläfchen, während die Akkus weiter luden. Erst als sie fast voll waren, machten wir uns wieder auf den Weg.

Andreas hatte auf seiner App eine weitere E-Ladestation entdeckt, an der er über Nacht laden wollte. Als der Ort näher kam, stellte sich heraus, dass die Ladestation mitten in der Stadt am „Hauptplatz“ gewesen wäre. Undenkbar, dass ich an so einem präsenten Ort mitten in einer Stadt ein Auge zutun würde. Es war klar, dass wir etwas anderes finden mussten. Und zwar in den nächsten zwanzig Kilometern, weil sonst die Akkus leer werden würden.
Andreas entdeckte einen Motorrad-Laden, stellte unser Gespann beim Nachbargrundstück ab und lief zum Motorrad-Laden zurück, um dort zu fragen, ob wir vielleicht für die Nacht hinter ihrer Halle stehen dürften. Ich blieb so lange beim Fahrzeug.
Während ich also auf Andreas wartete, kam auf einmal ein Mann ums Eck und fotografierte unseren Wagen. Ich dachte, er fände einfach auch unser Gespann schön. Aber er blaffte mich sofort sehr aggressiv an, dass ich hier illegal auf Betriebsgelände stünde und ich sofort verschwinden solle. Ich erklärte ihm, dass mein Mann gerade nebenan wäre, um etwas zu fragen. Er erwiderte, dass ihm das egal sei. Ich hätte 5 Sekunden (!!) Zeit, von seinem Gelände zu verschwinden, sonst gäbe es eine Anzeige. Auch ließ er nicht zu, kurz zu warten, bis Andreas da wäre, um das Fahrzeug wegzufahren. Da stand ich nun. Andreas war nicht zu sehen. Also schob ich unser Gespann – ohne Motor – vom Hof dieses fürchterlichen Menschen. Im Nachhinein habe ich keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, alleine dieses 500-kg-Monstrum zu bewegen. Mein Körper muss voller Adrenalin gewesen sein, dass ich das alleine geschafft habe.
Als Andreas wieder bei mir war, war ich ziemlich aufgelöst und wollte nur noch weg. Aber vorher lief ich nochmal zu dem „verbotenen“ Gelände rüber, stellte mich an die Grenze zur Einfahrt, blickte direkt in die riesige Kamera, die am Gebäude hing, formte mit den Händen ein Herz und hielt es Richtung Kamera. Denn nur von dort hatte er mich sehen können. Auf der Seite war sonst kein Fenster am Gebäude.
So stand ich mit dem geformten Herz eine Weile da, winkte dann zum Abschied, drehte mich um und ging. Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, beide Mittelfinger Richtung Kamera zu halten. Aber ich wollte mich nicht mit diesem Mann auf eine Stufe stellen. Ich frage mich, was mit so einem Menschen nicht stimmt, dass man sofort dermaßen aggressiv auf andere Leute losgehen muss. Er kann kein schönes Leben haben, wenn er sofort so böse agiert.
Aber: nun komme ich zum wunderbaren Ausklang dieser Geschichte. Wir fuhren weiter, hielten Ausschau nach möglichen Übernachtungsplätzen – ob mit oder ohne Strom war inzwischen egal, denn es wurde dämmrig. Das gestaltete sich schwierig, weil es einfach zu städtisch hier ist. Plötzlich sahen wir (nach 73 Kilometern) einen ÖAMTC-Stützpunkt. Das ist wie der ADAC in Deutschland. Dort fragten wir, ob wir vielleicht irgendwo auf ihrem Gelände über Nacht stehen könnten. Die prompte Antwort lautete: „Klar könnt ihr hier bleiben. Stellt euch einfach dort drüben unter das Dach. Ich schließe euch die Toiletten dort auf.“

Zwei seiner Kollegen kamen auch dazu. Einer sagte: “ Das Teil habe ich vorhin überholt. Ist ja cool!“ Alle drei bekamen von Andreas eine exklusive Führung und Erklärung.

Wir waren den Männern unglaublich dankbar, dass wir heute Nacht hier bleiben können und sogar noch ein Stromkabel gebracht wurde, damit wir doch noch unsere Akkus über Nacht laden können.
Dann fragte einer der Männer auch noch, ob wir duschen wollen. Sie hätten drüben im Gebäude, das an die Werkstatt angrenzt Umkleiden und eine Dusche. Wahnsinn! Diese Hilfsbereitschaft rührte uns sehr.

Mir fiel heute Abend ein, dass mein Bruder mal zu mir gesagt hat: „Ilona, ein gewisser Prozentsatz der Menschheit besteht aus Arschlöchern. Und ab und zu trifft man eben mal eins.“ Ja, wir haben heute eines getroffen.
Aber den ganzen restlichen Tag waren es nur liebe und freundliche Menschen. Angefangen bei Christa und Hans heute Morgen und geendet bei den drei hilfsbereiten Mitarbeitern des ÖAMTC. Ich finde, die Freundliche-Menschen-Quote passt doch!

Ihr lieben Beiden, gerade lese ich eure „Gute-Nacht-Lektüre“ und werde, ob eures Berichts, mit einem Lächeln im Gesicht einschlafen. Danke!
Eine liebe Umarmung, Susann
Hallo Ihr Beiden
Ja über die Quote haben wir uns ja an deiner alten Arbeitsstelle schon mehrfach unterhalten. Es gibt sie halt. Es gibt aber auch tolle Menschen. Man darf sich nur nicht von den Quotenmenschen den Tag verderben lassen.
Euch noch weiterhin viel Spaß.
Liebe Grüße aus dem MAV-Büro
Hallo ihr 2
Es war ganz sicher Bestimmung, daß ich am Vorabend zu meinem Schatz gefahren bin !
sonst hätte ich euch nie kennengelernt.
Eine weitere, tolle und auch außergewöhnliche Begegnung in unserem Leben.
Schön, euch kennengelernt zu haben😘😘alles Gute weiterhin 🤗🤗
Ihr Lieben,
lasst euch von irgendwelchen A…l… eure tolle Reise nicht vermiesen – irgendwie sind solche Leute von Anfang an bei der Verteilung zu kurz gekommen und einen gewissen prozentualen Anteil gibt es in jedem Land der Erde!
Wir lesen jeden Morgen eure News vom Tag zu vor und das ist besser als jede Tageszeitung. Unsere Baustellen laufen mehr oder weniger planmäßig, aber bis ihr hier zu uns kommt wird alles fertig sein. Seit gestern haben wir auch endlich einen Wetterwechsel und es gab sogar mal 17l Regen! Für euch ist die Bewölkung sicher nicht so toll, aber es wird sich wieder ändern und die Sonne wird euch so oder so weiter scheinen! Ganz liebe Grüße!!!
Hallo ihr beiden Marathon-Radler,
Bin durch Velomo im Velomobilforum auf euch aufmerksam geworden und verfolge interessiert eure Reisen. Als Spezialradfan natürlich vor allem mit eurem aktuellen Quad-Gespann. Nichtsdestotrotz war die Alpentour mit dem „Bio“-Tandem eine eindrucksvolle und respektable Leistung, chapeau!
Technische Frage: habt ihr Ferrofluid in den Nabenmotoren, zur besseren Kühlung? Es gibt auch noch Kühlkörper, sogenannte „Hub sinks“ für die Grin-Motoren (nebenbei als Info für die nächste Tour).
Wünsche euch weiterhin viel Erfolg und Freude bei der Reise und keine weiteren Begegnungen mit „speziellen Menschen“ ( die man am besten schnell wieder vergisst, was nicht immer leicht fällt).
Viele Grüße von Harri, einem Pony4-Fahrer, der auch gerne eine solche „Motorisierung“ und Ausdauer wie ihr hätte.
Ihr Lieben,
nach jeder Begegnung mit einem sogenannten „Arschengel“ erscheint jeder „Engel“ umso wertvoller…
… dennoch wünsche ich euch eine weitere Reise ohne unliebsame Begegnungen.
So schön, dass du ein Herz gesendet hast ❣️