Felge am Anhänger gerissen

Heute Morgen ging Andreas mal mit Casper laufen und ich kümmerte mich um das Kaffeewasser und das Frühstück. Für das Kaffeewasser hatte ich bereits gestern Abend eine Steckdose direkt im Eingangsbereich von Firma Kipp entdeckt. Ich musste also nur noch jemanden finden, der nach der Raucherpause ins Gebäude zurück ging und mich mitnahm. Alle Mitarbeitenden, die wir antrafen, waren super freundlich zu uns. Außerdem sehr hilfsbereit. Selbst heute Nacht um 4 Uhr, als Andreas auf die Toilette musste, war es kein Problem, eine Toilette im Gebäude benutzen zu dürfen.

Wir sprachen auch noch mit einer Mitarbeiterin, die uns erzählte, dass sich in Ungarn alles auf Budapest konzentriert. In der Nähe der Hauptstadt gäbe es ordentliche Löhne. Je weiter man in Ungarn Richtung Osten käme, desto schlimmer sähen die Orte aus, die Menschen wären ärmer und die Kriminalität deutlich höher.

Als wir das hörten, waren wir erst recht sehr dankbar, dass wir auf dem Gelände von Firma Kipp übernachten durften. Es handelt sich übrigens um eine deutsche Firma, die hier in Ungarn eine Zweigstelle hat.

Bevor wir starten konnten, musste Andreas nochmal einen Platten beheben. Das war der neute Platten. Es handelte sich hier um einen Dorn, den wir beim letzten Platten an dem Rad übersehen hatten. Diesen Dorn fanden wir sogar im Schlauch selbst.

Mittags aßen wir im Wagen, weil es ein bisschen regnete. Zwar nicht stark, aber so, dass wir nicht draußen sitzen wollten. Während Andreas und ich aßen, machte Casper ein Nickerchen.

Es hat jetzt endlich so weit abgekühlt, dass man es auch tagsüber im Wagen aushalten kann. Gestern hatten wir ja noch deutlich über 30 Grad. Heute waren es nicht viel mehr als 20 Grad.

Weil es mit Sonnenenergie heute nicht so gut aussah, beschlossen wir, bei 60 Kilometern schon einen Platz für die Nacht zu suchen. Morgen sieht die Wettervorhersage Regen vor. Wir stellten auch Überlegungen an, was wir machen, wenn wir nicht laden können. Der Plan war, möglicherweise einen Tag an Ort und Stelle zu bleiben. Deshalb wollten wir einen möglichst guten Platz für die Nacht finden.

Tja, mein Bruder hat mal gesagt: „Ilona, weißt du, wie man Gott zum Lachen bringt? – Du sagst, du hättest einen Plan!“

Es kam anders. Als wir gerade aus Komarom herausfahren wollten, um 12 Kilometer weiter in einem kleineren Ort einen Übernachtungsplatz zu suchen, hörte ich mal wieder ein komisches Geräusch. Ich schaute nach hinten und stellte fest, dass der Reifen hinten links am Hänger keine Luft mehr hatte. Platten Nummer 10!

Allerdings fanden wir beim Durchsuchen des Schlauches und Mantels keinen Splitter, sondern an der Felge seitlich einen langen Riss. So ein Mist!!

Bei dem Haus, neben dem wir an der Straße standen, holte ich einen Eimer (dort war gerade eine Baustelle), legte eine Warnweste drüber und stellte das als eine Art Warndreieck auf die Straße. Andreas musste sich ja auf die Straße legen und ich hatte Angst, dass er von einem Fahrzeug übersehen werden könnte.

Ein Mercedes-Fahrer hielt und erkundigte sich, was los sei. Er kannte wohl auch die Leute in dem Haus mit der Baustelle. Englisch konnte er nicht, aber die Verständigung funktionierte mit Zeichensprache ganz ordentlich. Er erklärte Andreas, er solle das Rad abschrauben und er würde ihn zu einem Fahrradgeschäft bringen. Aber er müsse sich beeilen, weil das Geschäft sonst schließt. Zuerst meinte Andreas, das würde nicht so ohne Weiteres gehen, weil auf der Radnabe eine feste Achse ist, die an das Differenzialgetriebe geht. Man kann das Rad nur komplett mit der Achse ausbauen, was er dann auch tat.

Die beiden fuhren los und ich blieb mit Casper wieder zurück, um unsere Sachen zu bewachen.

Als der Mann mit Andreas zurück kam, erzählte er mir Folgendes: die Felge sei zu speziell. Sie könnten das nicht reparieren, weil sie so eine Felge nicht besorgen könnten, um sie frisch einzuspeichen. Also wurde beschlossen, ein neues Felgenband anzubringen, den Reifen mit einem neuen Schlauch zu versehen und nur mit 2 bar anstelle von 4 bar weiterzufahren bis nach Györ, wo ein anderes Radgeschäft eventuell helfen könnte.

Da es aber für heute zu spät war, die 40 Kilometer nach Györ weiterzufahren (außerdem waren die Akkus fast leer), brauchten wir eine Bleibe in der Nähe. Wir fragten den Mann, was er uns raten würde. Er riet absolut davon ab, hier in der Nähe stehen zu bleiben. Es gäbe zu viele Menschen mit Drogen- oder Alkoholproblemen. Das Risiko, dass morgen früh Teile am Rad fehlten, wäre zu groß. Auch von dem Ort, den wir eigentlich ausgesucht hatten, riet er entschieden ab. Stattdessen meinte er, wir sollten 4 Kilometer zurückfahren und uns bei einer Tankstelle auf den Parkplatz stellen. Dort gäbe es Kameras und es wäre seiner Meinung nach sicherer dort.

Das „Rettungsfahrzeug“

Obwohl es mir widerstrebte, vier Kilometer in die falsche Richtung zu fahren, blieb uns nichts anderes übrig. Ich hoffte nur, dass wir die Erlaubnis bekamen, dort über Nacht zu stehen. Ich hatte immer noch die Besitzerin der anderen Tankstelle im Kopf, die morgens kam und „No camping!“ sagte.

Als wir an der Tankstelle ankamen, sahen wir bei den Parkplätzen gleich ein Schild, das besagte, man dürfe nur 2 Stunden parken und man würde ansonsten abgeschleppt werden. Abschleppen wäre vielleicht gar nicht so schlecht, aber ich befürchte, dass die Chancen schlecht stünden, nach Wagshurst abgeschleppt zu werden …

Wir redeten mit den Leuten, die gerade an der Tankstelle im Dienst waren und schilderten unser Problem. Die Leute waren unglaublich freundlich und hilfsbereit. Wir bekamen sofort die Erlaubnis, hier zu bleiben. Es wurde ein Platz für unser Gespann gefunden, an dem wir sogar die Akkus aufladen können und uns wurde gesagt, dass wir Casper auch gerne mit ins Tankstellen-Bistro mitnehmen dürfen. Die Toilette sei auch jederzeit zugänglich. Die Tankstelle ist rund um die Uhr geöffnet. Sie würden beim Schichtwechsel den Mitarbeitenden, die dann zum Dienst kommen, mitteilen, dass es okay ist, dass wir hier übernachten.

Es wird hier ganz bestimmt keine ruhige Nacht werden, aber wir stehen super sicher und mit einer Erlaubnis „in der Tasche“. Somit wird die Nacht vielleicht nicht ganz ruhig, was die Geräuschkulisse betrifft, aber ruhig im Sinne von „stressfrei“.

Heute Nachmittag dachte ich schon „Operation Schweizer-Rettung“ müsse anlaufen. Jetzt haben wir wieder ein bisschen Mut. Morgen schaffen wir es hoffentlich erstmal bis zu dem Radgeschäft in Györ. Mit einem Mitarbeitenden, der Deutsch spricht (er ist in Bamberg aufgewachsen), haben wir schon telefoniert. Und dieser hat Andreas am Telefon gesagt, er denke, uns weiterhelfen zu können.

Also: ein Schritt nach dem anderen. Erstmal morgen bis Györ und dann weiterschauen.

Bei einer so langen Reise gibt es Höhen und Tiefen. Man kann keinen Reiseveranstalter verantwortlich machen und keine Entschädigung verlangen, wenn etwas schief geht. Aber bei genau solchen Dingen, wie wir sie hier gemeinsam meistern müssen, kommen die Karten auf den Tisch! Bis jetzt haben wir es immer wieder geschafft, uns gegenseitig zu stärken und aufzumundern. So was klappt nur gemeinsam!

Casper muss an dieser Stelle auch unbedingt lobend erwähnt werden. Als wir beide auf einer ordentlich befahrenen Straße hinter dem Hänger knieten und hantierten, blieb Casper vorne super gechillt in seiner Box liegen und döste. Und das, obwohl er uns von seiner Box aus gar nicht mehr sehen konnte. Auch wenn wir ihn im Wagen auf uns warten lassen, legt er sich hin und wartet super geduldig, bis wir zurück kommen. Die Geräusche vom Straßenverkehr machen ihn absolut nicht nervös. Egal ob LKWs, Motorräder, Autos, Züge – das ist ihm egal. Aufgeregt wird sich erst, wenn Blätter oder Insekten vor der Nase herumfliegen. Im Jagdmodus ist der Hund nicht mehr ansprechbar. Ansonsten macht er es absolut klasse!

Ach übrigens – ich habe echt schon überlegt, ob das nicht eine Geschäftsidee wäre. Wir bieten Fahrradreisen mit uns an – mit Abenteuergarantie!


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5 Kommentare zu “Felge am Anhänger gerissen”

  1. Liebe Ilona, lieber Andreas und lieber Hundefreund Casper! Wir verfolgen jeden Tag Eure Reise und was Ihr Spannendes erlebt. Das Ihr die letzten Tage so ein Pech hattet, ist schade, aber Ihr Drei rockt das :‐)
    Hier in der Heimat zieht so langsam auch der Herbst ein, zwar mit noch viel Sonnenschein, aber morgendlichen Temperaturen im einstelligen Bereich (was mal wirklich sehr angenehm ist). In Eurem Garten nistet sich derweil ein Igel ein, der jeden Abend durch das Laub raschelt. Und unsere Hunde schauen auch jeden Tag durch den Zaun, ob nicht doch ihr Kumpel Casper wieder zurück ist.
    Jetzt wünschen wir Euch eine gute, platten-/ reparaturfreie Weiterreise Richtung Heimat, mit wunderbaren herzlichen Menschen um Euch rum! Eure Nachbarn MHCBF ❤️

  2. Hallo Ilona und Andreas,
    Ihr habt ein Differenzial in der Anhängerhinterachse? Ist das eine Quadvelo-Hinterachse? Wenn ja, könnt ihr bestimmt auch eine passende Felge von Katanga in Brno bekommen, einem Herstellungspartner von Quadvelo. Sind noch gute 200km von Györ, wenn euch der Umweg nicht zu weit wäre.
    Übrigens, gute Idee, die Fahrradreisen mit Abenteuergarantie. Wäre eine Überlegung wert, wenn ich einen Schlafwagen hätte 😉.
    Viele Grüße, Harri

  3. hallo ilona und andreas,
    zur zeit holt ihr wohl alle pannen nach,die am anfang eurer reise gefehlt haben.
    ich wünsche euch,dass das bald endet und ihr wieder pannenfrei fahren könnt.in österreich wirds bestimmt auch mit den übernachtungsplätzen wieder einfacher und diebstahlsicher,weiterhin gute fahrt und gute ideen bei der lösung anfallender probleme,grüsse aus achern

  4. Ihr Lieben, jetzt klebt euch das Pech etwas an den Radschuhen😪 aber ihr werdet das bestimmt gut bewältigen. Lasst euch die bisherigen Eindrücke nicht vermiesen🤩

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